Christian Zeise

Kurz zu mir: Ich wurde 1984 in Ost-Berlin geboren, bin im Prenz'lberg aufgewachsen und ausgebildeter Maler und Lackierer. Oh, ein Handwerker! Durch die verschiedenen Teilbereiche der Farbenlehre inspiriert, vertiefte ich ab 2001 – parallel zur dualen Ausbildung – meine Interessen an der Webentwicklung und ab 2004 an der professionellen Fotoberichterstattung bei einem britischen News Network.

Seit über neun Jahren bin ich in der Online-Kommunikation für »Die Bahn« in Berlin tätig.

Stationen

 Bornholmer Straße (1984–1993)

Sag mir, wie fing alles an? Die ersten fünf Lebensjahre und damit auch die letzten Jahre in der »Hauptstadt der DDR« fanden relativ geräuschlos und gut behütet im Nordischen Viertel im Prenzlauer Berg, in unmittelbarer Nähe zum innerstädtischen Sektorenübergang Bornholmer Straße an der Berliner Mauer, statt. Ungehindert davon ging es mit dem Kindergarten abenteuerlustig Hand-in-Hand zur Wendeschleife der Straßenbahnlinie 3 an der Björnsonstraße oder auf dem Arnimplatz toben. An Tagen nach dem 9. November 1989 gab es natürlich die verdutzten Kinderaugen, warum eine weiß gekalkte Mauer in Plattenbauweise zur bis dahin unbekannten Norwegerstraße – die als Kolonnenweg diente – nicht mehr da war. Im Nachhinein für mich verinnerlicht, ist diese Straßeneinmündung wohl die »trivialste« Definition von Freiheit, die ich seither genießen kann. Meine Isländische Straße war keine Sackgasse mehr. Ein dankbarer und toller Moment.

1991 rufte die Schulpflicht und ich trampte zur neugeformten 20. Grundschule in der Schönfließer Straße, welche am 1. August gleichen Jahres aus der 5. POS hervorgegangen ist. Nach der Schule lernte und spielte ich im Hort ausgiebig Halli Galli, Malefiz und Schach. Wir hatten ja nichts – außer eine Menge Spaß! Die geschichtsträchtige Bösebrücke, wo man auf dem umliegenden Gelände verrostete Brückenniete in Form von Pilzen sammeln konnte, entdeckte ich erst später. Das galt auch für das Erklimmen der Humboldthöhe am Gesundbrunnen.

An den Wochenenden ging es zur Erholung meist nach »jwd« (janz weit draußen), was bei uns auf Potsdam, das großelterliche Ferienparadies in Bornstedt oder den elterlichen Garten in Französisch-Buchholz zutraf. Der Weg zur Datsche war schier einfach mit der Bimmel und einem Umstieg an der Schönhauser in die Linie 49 im Rekowagen nach »Buchholz« verbunden. Dort schlummerte mit der Wendezeit aufgebockt der mittlerweile ausgelieferte himmelblaue Trabant 601 im ungemähten Grün. Es gab nun gleich zwei Mercedes-Benz als Familienkutschen und der ungenutzte Trabi diente in jedem Fall nur noch als Spielplatz.

Die Zeiten und der Arbeitsmarkt änderten sich, Familien trennten sich und damit einhergehend entschied sich auch für uns die Wohnsituation. Die bis dahin genutzte 5-Raumwohnung im Parterre hatte den Grundriss einer ehemaligen Eckkneipe mit Blick auf die Trasse der Nordbahn südlich des Bahnhofs Bornholmer Straße sowie darüber hinaus auf die 4. Grundschule des Wedding (heute »Rudolf-Wissell-Grundschule«) im Ortsteil Gesundbrunnen. In der Wohnung befanden sich eine Vielzahl selbstgemalter und überdimensionierter Ölbilder, ulkige Musikinstrumente und weiße Billy-Regale, die mit Büchern vollgestopft waren.

 Hufelandstraße (1993–2001)

Ausgehend vom Nordischen Viertel im Nordwesten des Prenz'lbergs zogen wir innerhalb des Bezirks in den Süden und fanden im teils verfallenen Bötzowviertel unseren neuen Kiez. Das neue Domizil war ein schmuckloses Gründerzeitwohnhaus in Blockrandbebauung, Baujahr 1903, mit Reinweiß lackierten Doppelflügelfenstern aus Holz, wo das Glas von ausgetrocknetem Fensterkitt zusammengehalten wurde. An der Außenfassade baumelten Koaxialkabel für den Fernsehempfang, die wie Luftwurzeln vom auf dem Dach befindlichen Antennenwald herabhingen. Weitere Details waren der klassische Dielenboden im gesättigten Rotbraun, die Vorratskammer mit Fensterchen zum Hof, das langgezogene Bad mit Oberlicht und die Kachelöfen, welche die viel zu hohen Räume mit Wärme zu füllen versuchten. An den kalten Tagen war es meine Aufgabe, nach dem Schulunterricht, die abgekühlte Asche unten auf dem zubetonierten Innenhof in die graue Tonne neben der Klopfstange hineinrieseln zu lassen. Oder man verursachte absichtlich viel Staub, wenn es schnell gehen musste. Anschließend bestand die Mutprobe darin, die leeren Emailleeimer mit neuen Rekord-Briketts im muffigen und spärlich beleuchteten Kohlenkeller aufzufüllen, um diese wieder in den dritten Stock zu hieven. Anno 1996.

Mitte der 1990er Jahre war für mich endlich die Entdeckerzeit gekommen, wo nach der Schule die Neugierde in der Kinderbibliothek »NOBI« (heute »Kurt-Tucholsky-Bibliothek«) gestillt wurde. Es war praktisch, da man auf dem Heimweg immer an der Nobi vorbeikam. Zu Hause lauschte ich den ausgeliehenen Tonbandkassetten von »Der kleine Vampir«, »Die drei ???«, »Fünf Freunde« oder »TKKG«.

Mit dem Wechsel von der Grundschule in der Pasteurstraße zur »Kurt-Schwitters-Schule« in der Bötzowstraße sowie später an der Greifswalder Straße fand ich das alltägliche Verweilen unter den brummenden Leuchtstoffröhren selten unterhaltsam. Rückblickend war meine Zeit an der kunstorientierten Oberschule reserviert. Ich entschied mich für die Wahlfächer Kunst und Literatur, wodurch ich mir erhoffte, regelmäßig mit dem Klassenzimmer auszufliegen. »Reclams Universal-Bibliothek« war oll und wohlfeil aber nicht geistlos, das »suhrkamp taschenbuch« hatte zeitgemäße Inhalte und Diogenes' »detebe« vermutlich die schönsten Taschenbücher. Auf diese Weise konnte ich auch das neue Berlin, die unzähligen Museen und das jugendliche Theater (»carrousel«-Theater an der Parkaue, »Gorki«, »Schaubude«, Kulturzentrum »WABE« im Thälmannpark sowie das »GRIPS« im Hansaviertel) kennenlernen.

Beim wöchentlichen Austragen des Abendblatts bekam ich einen noch tieferen Kiezeinblick in die äußerlich noch von Kriegseinwirkungen beschädigten, schlicht sanierten oder schon umfangreich modernisierten Altbauhäuser in meinem mir zugewiesenen Quartier: zentrales Bötzowviertel zwischen Greifswalder Straße und Am Friedrichshain sowie Käthe-Niederkirchner-Straße und Pasteurstraße. Es war doch immer wieder spannend zu erfahren, wie manch Vorderhaus, Seitenflügel und Hinterhaus sowie deren Treppenhäuser gestaltet sind. Auch der Geruch jedes Hauses war unbeschreiblich eigen. Manchmal ging es auch nach oben, auf die offenen Dachböden, wo frisch gewaschene Wäsche zum Trocknen auf den Leinen hing oder Stadttauben monoton vor sich hingurrten.

Der benachbarte Volkspark Friedrichshain war Ausgangspunkt fast jeder Sportstunde. Bei den Aufwärmrunden hechelten wir um den großen Teich, unter anderem am Friedenspavillon, an der »Wasserglocke« und dem »Schönbrunn« vorbei. Der Kunstunterricht wurde an sonnigen Tagen ebenfalls nach draußen verlegt und wir durften Bronzeplastiken, Architekturelemente sowie Flora und Fauna abzeichnen.

Nach der Schule wurde der stillgelegte »Stierbrunnen« am Arnswalder Platz oder unser »Mont Klamott« im Volkspark auf vertikalem Wege durch das Gestrüpp erklommen. Die säuberlich angelegten Serpentinen hochzuspazieren war für uns nicht herausfordernd. Diesen Spottnamen teilt sich der »Große Bunkerberg« mit dem wohl älteren »Insulaner« in Schöneberg – beides Trümmerberge, die mit ihren 78 Metern gleichhoch sind. Dem »Teufelsberg« wird dieser Spitzname ebenfalls angedichtet, wie vermutlich jeder künstlichen Erhebung in Berlin.
Oder man lag faul auf der schräg angelegten Liegewiese in der Nähe zum »Denkmal des gemeinsamen Kampfes polnischer Soldaten und deutscher Antifaschisten«, wo schon zu dieser Zeit geskatet wurde. Die Abendsonne ließ sich auf der großen Liegewiese mit Plansche an der Friedenstraße genießen. Hinter dem »Spanienkämpfer« war jedoch Schluss für uns, da keiner meiner Freund·innen am »Platz der Vereinten Nationen« wohnte. So erstreckte sich der Freizeitradius im Norden weitgehend auf den Helmholtzkiez, im Westen auf den Kollwitzkiez und im Osten auf den Thälmannpark mit dem namensgebenden Monumentaldenkmal.

Ein paar Jahre vor der Jahrtausendwende zogen wir innerhalb des Hauses in eine der ausgebauten Dachwohnungen mit Terrassenblick zum Fernsehturm um. Auch wenn es währenddessen einen Außenaufzug gab, sprintete ich lieber in die 5. Etage.

 Magdalenen­straße (2001–2005)

Die Abschlussfahrt mit dem Bus nach Budapest war überwunden und die Klasse löste sich nach der Rückkehr in Berlin in alle Himmelsrichtungen auf. Wir zogen nach Lichtenberg und mein nächster Lebensabschnitt klopfte an der Tür. Die Entscheidung, eine Berufsausbildung zum Maler und Lackierer zu absolvieren, geschah mehr aus Ziellosigkeit, Verzweiflung und Glück. Ich war unsicher und unschlüssig, was ich machen könnte und wollte. Es wurde oft mein zeichnerisches Talent gewertet und im gleichen Atemzug assoziiert, ich könnte doch ein Handwerk in diese Richtung erlernen. Letztendlich hat es nicht geschadet und ich zog die drei Ausbildungsjahre zum Gesellen durch.

Da in Berlin bekanntlich der Bär steppt und für mich am frühen Nachmittag bereits Feierabend war, konnte ich mich mit Freund·innen zum Umherschlendern verabreden. Wir besuchten spontan Autogrammstunden, Fernsehaufzeichnungen, Filmpremieren, Musikgigs, Sommerfeste, Theatervorführungen und Vernissagen. Ab und an nahm ich zu diesen Anlässen meine erste SR-Kamera mit, die ich mir von meinem Lohn bei Wegert für einen Tausender gönnte. Inzwischen schon in Euro.

Da ich auf der »Kurt-Schwitters« wenige Jahre zuvor im Kunstunterricht mit Photoshop experimentieren durfte, konnte ich von nun an auch mit der digitalen Bildbearbeitung herumbasteln. Dies war auch die Zeit, in der ich meine erste Domain Ende 2001 registrierte, unter der ich meine Fotografien und -grafiken veröffentlichte. Ich lernte, neben der parallel verlaufenden Berufsausbildung, die Fotografie und Webentwicklung im Selbststudium besser verstehen.

Mit dem erlernten Wissen und der Neugierde an der vielfältigen Arbeitweise, stieg ich in die Event- und später Pressefotografie ein. Nach der abgeschlossenen Berufsausbildung wechselte ich zur professionellen Fotoberichterstattung und habe mich einem britischen News Network angeschlossen, welches im gleichen Jahr ein Deutschland-Büro in Berlin eröffnete.

 Konstanzer Straße (2005–)

Im neuen Berufsalltag der Photocalls, Premieren, Pressevorführungen und Set-Besuche angekommen, zog ich etwas später in die ersten eigenen vier Wände nach Wilmersdorf. Es war die recht günstige Miete innerhalb des Rings, die naheliegenden Grünanlagen und Erholungsgebiete, die gute Anbindung an Bahn und Bus, sowie ein bereits hier wohnender Teil der Familie, welche mich in die Nähe zum Fehrbelliner Platz führten.

Die einzige »Action«, die es hier inmitten mehrerer Bundes-, Senats- und Bezirksverwaltungsgebäude gibt, ist der Kunst- und Trödelmarkt am Wochenende, der Wochenmarkt mit Streetfood vorm ehemaligen Rathaus Wilmersdorf, das Parkcafé mit seinem Biergarten sowie der Preußenpark.
Die große Liegewiese im Inneren des Parks wird im Volksmund auch als »Thaiwiese« bezeichnet. Hier treffen sich größtenteils Menschen ostasiatischer Herkunft zu einem riesigen Picknick und bieten ihre kulinarischen Köstlichkeiten aus der Heimat offiziell anderen Familien an. Inzwischen ist die staubige Oase mit den unzähligen Sonnenschirmen bei den Berliner·innen und Gästen beliebt. Seit ich in Wilmersdorf zu Hause bin, gab es seitens des Bezirksamts unregelmäßig Anläufe, den »Thaipark« mit festen Imbissbuden zu legalisieren.

Um die leeren Zeitfenster zwischen den Presseterminen mit Produktivität zu kompensieren, gab ich ein eigenes Onlinemagazin heraus, in dem ich über Veranstaltungen in Berlin informierte und mit vielen Bilderserien bereicherte. Zusätzlich übernahm ich die Programmierung und Pflege einiger Internetseiten befreundeter Künstler·innen. Die Webentwicklung rückte bei mir so immer mehr in den Fokus, da ich in diesem Geschäft wesentlich effektiver arbeiten und meiner Kreativität freien Lauf lassen konnte. Es war lästig geworden, bei großen Premieren mehrere Stunden vorher erscheinen zu müssen, um sich seinen Platz für den Abend zu sichern, bis das Event letztendlich an Fahrt aufnahm. So blieb der Presseausweis in Zukunft in der Schublade.

Da der gewöhnliche Bildjournalismus für mich an Reiz verloren hatte, ich meinen Arbeitstag geordneter gestalten wollte und natürlich auch weiterhin Geld verdienen musste, fing ich auf Empfehlung eines Freundes bei einer Zeitarbeitsfirma an. Die Tätigkeiten waren anfänglich ganz simpel, sodass ich nebenbei noch einen freien Kopf für die Webentwicklung hatte. Beginnend bei einer Onlinebank, mit Zwischenstation in der Kundenbetreuung für ein großes TK-Unternehmen, landete ich im Frühjahr 2010 bei einem Mobilitätsdienstleister im Beschwerdemanagement. Mit der überwältigenden Fülle an Wissen, die ein solches Transportunternehmen in dieser Dimension mit seinen verzweigten Teilbereichen offenbart, nahm ich die Herausforderung an, zu bleiben. Zum darauffolgenden Jahresbeginn wurde ich übernommen und wechselte später zum Community-Management.